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Zwischen Coca-Cola und Tortilla

Claudia verbrachte diesen Sommer drei Monate als Acompañante in der Gemeinde Cuarto Pueblo und berichtet über ihre Eindrücke Guatemalas nur wenige Monate nach dem Friedensschluß.

[badendes Mädchen]

Es ist 5 Uhr morgens und noch stockdunkel, als sich der klapprige Kleinbus vollgestopft von Victoria/Ixcan auf den Weg nach Cantabal, der nächsten größeren Stadt, macht. Aus dem Radio hämmert es in voller Lautstärke die Technoversion von “No pares, sigue, sigue...", Kinder schreien und Hühner gackern aufgeregt. Der Bus quält sich langsam durch den Schlamm. Es hat die ganze Nacht über in Strömen geregnet und die ohnehin schlechten Straßen sind aufgeweicht.

Das Dorf Cuarto Pueblo

Ich schließe die Augen und gehe in Gedanken zurück nach Cuarto Pueblo, einem 3000 EinwohnerInnen-Dorf nahe der mexikanischen Grenze zu Chiapas, wo ich in der letzten Zeit gewesen bin. Aufgeregt durch die ungewohnte Umgebung bin ich gleich am ersten Morgen um 6 Uhr aufgewacht, geweckt vom Konzertkrähen der Hähne, die in Guatemala nie zu schlafen scheinen, und irritiert durch die Kinderaugen, die mich durch die Holzlatten meiner Hütte neugierig anstarrten. Ich wühlte mich aus dem Chaos von Schlafsack und Moskitonetz, um mir Feuer für das Frühstück zu machen. Da ich noch kein Wasser hatte, zeigten mir die Kinder gutgelaunt den Weg hinab von meiner Behausung zur Quelle. Dort füllte ich meinen Krug und versuchte nach dem Beispiel der 8-12jährigen Mädchen, das Ding auf dem Kopf zurückzutragen. Davor aber mußten wir auf einem Holzstamm über den Bach balancieren, was ich auch in verblüffender Geschicklichkeit vorgemacht bekam. Der Versuch meinerseits fiel jedoch im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser, was die Kinder noch Tage später zu Lachkrämpfen veranlaßte. Im Laufe der Zeit, die ich als Flüchtlingsbegleiterin dort verbrachte, wurde ich geschickter, und mit Hilfe der Leute lernte ich nicht nur, Wasserkrüge am Kopf zu tragen sondern auch noch vieles mehr, was einE EuropäerIn tolpatschig an diesen Menschen bestaunt.

Auf dem Weg in die Hauptstadt

[frauenbild]

Indessen schaukelt der Bus weiter. Ich versuche, nicht in den Rückspiegel zu schauen und den Busfahrer zu ignorieren, dem vor lauter Müdigkeit ständig die Augenlider zufallen. Am Tag zuvor, dem 15. September, hat man nämlich den Nationalfeiertag gefeiert ­ der Präsident Alvaro Arzu gitarrespielend am Hauptplatz von Guatemala-Stadt und der Busfahrer gemeinsam mit den DorfbewohnerInnen am Fußballplatz von Victoria (zwei Stunden Gehzeit von Cuarto Pueblo). Es ist ein vorbildlicher Tag gewesen mit Kultur und Musik. Noch am Vortag, dem 14. September, waren vier Vertreter des guatemaltekischen Militärs in einige der Dörfer im Ixcan gegangen, um dort mit der Übergabe der Flagge und einer Kasette mit der Hymne das Nationalbewußtsein der Bevölkerung neu zu bestärken. Zweifelsohne war dies sowohl für das Militär als auch für die Zivilbevölkerung ein sehr entscheidender Moment, der im blau-weißen Schatten der Fahne auch viele Emotionen losbrach, die nicht so ohne weiteres mit den Klängen der Lautsprechermusik harmonierten.

Massaker und Nationalfahnen

[auch campesinas]

Das wurde auch in Cuarto Pueblo deutlich, wo auf relativ kleinem Raum viel von den Problemen des Landes sichtbar wird. Besonders traumatisiert nach einem der größten Massaker am 14.März 1982 (324 Tote), müssen die meisten Menschen nach zehn bis fünf-zehn Jahren als Flüchtlinge, CPR-BewohnerInnen und ehemalige Guerillamitglieder erst wieder lernen, ein normales Leben zu führen ­ und das auf gemeinschaftlicher Basis. Die Angst und das Mißtrauen aber sind noch immer sehr groß und das Zusammenleben gestaltet sich bei weitem nicht immer so harmonisch, wie dies von öffentlicher Seite (auch in Österreich, vgl. Vortrag v. Mendez/Zapata und Volksstimme 30. Oktober 97) gerne behauptet wird. So ist die Rückkehr der Ex-Guerillers (“desmobilizads") von den Umschulungslagern in ihre Dörfer bei weitem nicht so glatt verlaufen, wie man am Beispiel von Pueblo Nuevo gesehen hat. Durch den Widerstand der EinwohnerInnen Pueblo Nuevos mußten die “desmobilizads" aus Sicherheitsgründen weitere acht Tage in das Lager von Mayalan zurückkehren (Mai 1997). Von Juli 97 bis Jänner 98 haben außerdem weder desmobilizads noch deren PartnerInnen das Recht auf einen Landtitel, sind von den örtlichen Versammlungen stimmlich ausgeschlossen und stehen zusätzlich in dieser Zeit unter Kontrolle, die dann in ihrer Wertung ausschlaggebend sein soll für den Anspruch auf eigenes Land. Dadurch ganz wesentlich in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt, haben die ehemaligen KämpferInnen kaum Möglichkeiten, sich gegen diskriminierende Behandlungen von Seiten anderer DorfbewohnerInnen - wie zusätzliche Gemeinschaftsarbeiten, Drohungen, Beleidigungen, etc. - zu wehren.

Allein die Anwesenheit ...

Insofern hat sich neben der primären Aufgabe in der Flüchtlingsarbeit, der Bevölkerung durch die internationale Präsenz eine gewisse Sicherheit gegen von aussen kommende Willkür zu bieten, eine zweite Aufgabe herausgebildet. Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages am 29. Dezember 1996 ist es nicht mehr so einfach, in schwarz und weiß, gut und schlecht zu unterteilen. Ungelöste alte Probleme und gegenseitiges Mißtrauen schwächen zusehends den Zusammenhalt innerhalb der zivilen Bevölkerung. Diese inneren Spannungen gilt es also zu erkennen und die verschiedensten Standpunkte zu verstehen, ohne sich jedoch auf die eine oder andere Seite zu stellen.

Die Kooperative fällt

Eine andere ganz wesentliche Veränderung innerhalb des Ixcan scheint mir die Auflösung der Kooperative Ixcan Grande, die vom Vertreter des Maryknollordens Pater Guillermo Woods in den 60er Jahren mit dem Ziel gegründet worden ist, den Kleinbauern durch den agrarischen Zusammenschluß den nötigen gemeinschaftlichen Rückhalt zu geben, um sich so besser gegen die Interessen der GroßgrundbesitzerInnen verteidigen zu können. Ist es auf der einen Seite positiv, daß jetzt bald jedes (zwar nur männliche!) Mitglied der Kooperative Ixcan Grande rechtlicher Besitzer seines Grundstückes ist, so ist doch auf der anderen Seite die Möglichkeit, z. B. durch Verschuldung sein (nicht ihr) Land wieder verkaufen zu müssen und somit erneut den Besitz einer kleinen Elite zu vergrößern, viel näher gerückt. Die “Angst ist von den Menschen abgefallen" heißt es in den Salzburger Nachrichten (Mo, 3. 11. 97/S. 7), was zum Teil schon stimmen mag. Daß sich Gewalt und Terror während 36 Jahren BürgerInnenkrieges aber auch durch den Friedensvertrag nicht schlagartig in eine Demokratie umwandeln, sollte dabei nicht vergessen werden.

Die 1000 Gesichter Guatemalas

[frauen]

Fest steht auf alle Fälle, daß Guatemala ein unheimlich facettenreiches Land ist, faszinierend in seiner Schönheit und schockierend häßlich zugleich. Am geographischen Schneidepunkt zwischen Nord- und Südamerika entsteht eine eigenartige Mischung aus Gringolandia und Entwicklungsland, Neoliberalismus und nach wie vor weitverbreiteter Armut. Gierige TouristInnenenblicke und penetrante VerkäuferInnenstimmen auf den traditionellen Märkten formen ein seltsames Konglomerat am Fuße der Vulkane in Antigua und Atitlan; un Quetzal (Währung Guatemalas) für ein Foto von der Frau in ihrer Tracht. Zweiundzwanzig verschiedene Mayasprachen spricht mensch in diesem Land, das jede Menge Kaffee exportiert und dessen campesins ihren Kaffee aus verbrannten Maisfladen (tortillas) herstellen. Und glücklich ist, welchEr sich darum bemüht und nicht diEr, welchEr arm ist, wie unser Klischee irrtümlicherweise nach wie vor behauptet.

Noch immer rollt der Bus in Richtung Cantabal. Ich starre beeindruckt aus dem Fenster auf das Bild da draußen, wo sich auch heute wieder die Sonne über dem Nebel des Regenwaldes erhebt und das Land in eine unbeschreibliche Schönheit taucht. Am Morgen eines neuen Tages ist hoffentlich auch Guatemala, das sich nach einer langen Nacht erst einen Weg zwischen Altem und Neuem, zwischen Herrschern und Beherrschten und zwischen Coca Cola und Tortilla bahnen muß.

Claudia

modified: Saturday, 30-Sep-2017 00:14:18 CEST, [Ini-Logo] retrieved: Friday, 12-Jun-2026 07:45:18 CEST.

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