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Besser Wahrheit statt Dichtung als Dichtung

Tagebuchaufzeichnungen von Eva Scheibreithner, die von Oktober 1996 bis Oktober 1997 die Menschenrechtsorganisation CIIDH in Guatemala Stadt begleitete.

19. Dezember 1996

Wieder ein anstrengender Arbeitstag zu Ende! Heute feiere ich ein Jubiläum seit 2 Monaten arbeite ich schon im Zentrum. Langsam geht es auf Weihnachten zu und man merkt hier eigentlich nicht wirklich viel von der weihnachtlichen Stimmung. Ich bin sehr angespannt und innerlich verkrampft und werde noch eine Zeit brauchen, um meine Arbeitsanspannung abzukühlen. Heute war für mich ein harter Tag. Den ganzen Tag bearbeitete ich ZeugInnenberichte von Eltern, deren Kinder in den 70-er Jahren in den Straßen der Hauptstadt verschwunden sind, entführt, nicht zu Hause angekommen. Gestern kam ein Brief meiner Schwester mit neuen Fotos meiner entzückenden kleinen Nichte. Sie ist gerade erst 6 Monate alt. Mein Kopf dreht sich und ich beginne zu überlegen. Heißt es nicht

Alle Menschen sind gleich und frei? Haben nicht alle Kinder ein Recht auf eine glückliche Kindheit? Was kann denn ein unschuldiges Kind dafür, daß Krieg ist? Kinder, die zur Schule geschickt werden, und dort nie ankommen. Kinder, die von der Feldarbeit nach Haus laufen, und nie mehr auftauchen. Unschuldige werden herangezogen, um psychische Unterdrückung und Gewalt auszuüben.


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24. Mai 1997

[bodega]

Mittlerweile ist mir der Arbeitsalltag schon wesentlich vertrauter. Ich kann und werde sicher nie die Grausamkeiten verstehen, die hier begannen wurden. Massaker, bei denen Frauen und Mädchen vergewaltigt, Männer erschossen und dann die Kinder und Frauen bei lebendigem Leibe verbrannt wurden! Ganze Dorfausrottungen, bei denen 500 Menschen zuerst 2 Tage aufs grausamste gequält und dann dahingemetzelt wurden. Können Menschen so wenig Gefühl für Mitmenschen haben? Gab und gibt es solche Personen wirklich? Während ich die ZeugInnenberichte analysiere und kodifiziere ziehen mit den Daten auf den Unterlagen auch meine Lebensjahre an mir vorbei. Es löst bei mir tiefste Verwirrung aus, daß ich gerade in die Volksschule ging, als hier die größten Massaker in Zuge der “Politik der verbrannten Erde" begangen wurden.

Killer statt Kindergarten

Meine Jugend durfte ich ruhig und zufrieden in Österreich verbringen, während Hunderttausende hier in Guatmala leiden mussten. Manchmal fühle ich mich schuldig. Kann man denn die Gerechtigkeit auf der Welt nicht umverteilen, sodaß jeder Mensch zumindestens ein bißchen Glück und ein paar gute Jahre haben kann? Warum kann man nicht einfach jedem Menschen irgendwie das gleiche zukommen lassen. Jeder Mensch hat doch ein Recht auf Leben und Glück. Aber ich glaube, es gibt Menschen, die eben nicht so denken. Bevor ich nach Guatemala kam, wußte ich ja auch nicht viel über diese menschlichen Gemetzel und jetzt sehe ich die Welt mit ganz anderen Augen.

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2. Juni 1997

Es ist unglaublich! Ich bin immer noch ganz unruhig vor Empörung und Entsetzung! Heute hat mir doch allen ernstes jemand erklärt, daß hier in Guatemala gar keine Menschenrechtsverletzungen stattgefunden hätten! Also in der Hauptstadt hätte man zumindestens vom Krieg nichts mitgekriegt und wer weiß, ob das alles wahr ist, was so in den Zeitungen geschrieben wird! Ich habe gedacht, ich hörte nicht richtig! Hier in Guatemala gibt es immer noch Menschen, die es verdrängen, verleugnen oder vielleicht auch gar nicht wissen, was hier wirklich passiert ist. Die unzähligen Zeugenaussagen und Berichte strafen jeden Menschen einEn LügnerIn diEr behauptet, daß die Geschichten um Guatemala nur erfunden sind. Irgendwie bin ich an die Zeit in Österreich nach dem Nationalsozialismus erinnert. Die Menschen lebten fast 4 Jahrzehnte in einer fast permanenten Todesangst, vom Militär oder Todesschwadronen aufgegriffen und auf grausamste Weise zu Tode gefoltert zu werden. Kann man sich das überhaupt vorstellen? Also ich kann es dezitiert nicht. Ich glaube, es ist auch für Menschen, die nie unter solchem Druck ein Leben führen mußten, unbegreiflich, daß dennoch so viele felsenfest zu ihrem Land stehen.

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22. September 1997

Nur mehr ein Monat zu meiner Abreise. Im Moment beschäftige ich mich mehr mit dem neuen Buch über die Universität. Angeblich soll es im Dezember 1997 fertig sein. Ich denke an meine Zeit als Studentin in Wien. Hier in Guatemala war manchmal schon allein der Gang zur Universität ein Risiko, da man nie wußte, ob bzw. in welchem Zustand man wieder nach Hause zurückkehren würde.

Unseren Teilbericht an die Wahrheitskommission haben wir auch schon übergeben. Ich bin ja schon sehr neugierig, wie der Abschlußbericht von der Kommission aussehen wird. Unser Büro arbeitet schon seit fast 4 Jahren und es ist noch lange kein Ende in Sicht. Mir erscheint diese Arbeit außerordentlich wichtig. Geschichtliche Aufklärungsarbeit und Weiterbildung kann nur im Sinne der Weltöffentlichkeit sein. Umso mehr überascht mich, daß noch immer nicht die gesamte Finanzierung gesichert ist.

Rückkehr nach Österreich

Wenn ich die Anfangsseiten dieses Tagebuchs lese, dann merke ich doch, wie sehr dieses Jahr hier bei mir Eindrücke hinterlassen hat. Hunderttausende Fragen, auf die ich Großteils keine Antwort weiß. Warum? Immer wieder taucht diese Frage auf. Wirklich verstehen ­ niemals! Versuchen zu kämpfen und helfen ­ jederzeit. Ich bin ja schon neugierig, wie meine FreundInnen in Österreich reagieren werden. Werden sie verstehen, worum es geht? Werden sie die Wichtigkeit der Wahrheitskommission und der Unterstützung erkennen? Hoffentlich kann ich wenigstens in Österreich ein bißchen dazu beitragen, damit wenigstens einigen klar wird, daß jeder Mensch ein Recht auf Leben und auch auf seine Geschichte hat.

Eva

modified: Saturday, 30-Sep-2017 00:14:17 CEST, [Ini-Logo] retrieved: Friday, 12-Jun-2026 07:44:08 CEST.

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