Sind BiologInnen BiologistInnen?
"Biologie der Politik Politische Biologie?" aus dem nawi-info 40
Zur Erinnerung Dieser Artikel war in Form eines “Rätsels" gehalten, in dem
einige Zitate in eindeutig nationalsozialistischem Jargon angeführt waren
und einige Personen als Urheber dieser Zitate zur Auswahl gestellt wurden.
Bei diesen Personen fanden sich, neben Konrad Lorenz (dem tatsächlichen
Urheber) und Nazi-Größen wie Adolf Hitler unter anderem auch die
Biologie-Professoren Kurt Kotrschal, John Dittami, Rupert Riedl und Karl
Grammer (größtenteils Verhaltensforscher), was am Biozentrum zu ziemlichen
Mißtönen zwischen Lehrenden und Studierendenvertretung führte.
Zu Beginn unserer Stellungnahme möchten wir festhalten, daß die der-zeitige
Studienrichtungsvertretung Biologie, die erst im Mai 97, also nachdem der
inkriminierte Artikel veröffentlicht wurde, neu gewählt und konstituiert
wurde, absolut nichts mit der Erstellung und Formulierung dieses Artikels
zu tun hatte. Trotzdem sehen wir uns ständig mit dem Anliegen konfrontiert,
daß wir uns für diesen Artikel zu entschuldigen hätten, da ansonsten ein
konstruktives Gesprächs- und Arbeitsklima zwischen Lehrenden und
Studienrichtungsvertretung nicht mehr möglich wäre.
Da wir an letzterem jedoch sehr wohl interessiert sind, uns aber für
eine Angelegenheit, an der wir nicht beteiligt waren, weder entschuldigen
wollen noch können, hoffen wir durch folgende Stellungnahme zur Klärung der
Situation beitragen zu können:
Unsere Meinung dazu
J Die Studienrichtungsvertretung Biologie ist nicht der Meinung, daß die in
dem Artikel angeführten Konrad-Lorenz-Zitate, von den ebenfalls zur
Beantwortung des "Rätsels" zur Wahl gestellten Herren Kotrschal, Dittami,
Riedl und Grammer stammen könnten oder von ihnen jemals vergleichbare
Aussagen gemacht worden wären.
J Die Studienrichtungsvertretung Biologie ist nicht der Meinung, daß die
Herren Kotrschal, Dittami, Riedl und Grammer in irgendeiner ideolo-gischen
Nähe zu den im selben Kontext genannten Herren Göring, Heß oder Hitler
stünden.
(Anm.: Diese Meinungen wurden allerdings auch in dem umstrittenen
Artikel nie explizit vertreten.)
Der große Konrad Lorenz
Einen Vorwurf wollen wir allerdings ein paar der erwähnten Professoren
(allerdings bei weitem nicht nur diesen) nicht ersparen Ihre zumindest nach
aussen hin vollkommen unkritische, ja zum Teil sogar verherrrlichende
Herangehensweise an das "Phänomen" Konrad Lorenz. Sowohl in der
außeruniversitären Öffentlichkeit, besonders aber in den biologischen
Wissenschaften und bei uns am Biozentrum wurde und wird der vor einigen
Jahren verstorbene Nobelpreisträger ziemlich vorbehaltlos verehrt, während
die dunklen Seiten seiner Vergangenheit völlig unter den Teppich gekehrt
werden. Diese kritiklose Haltung gegenüber Konrad Lorenz wird dann auch
Jahr für Jahr, noch dazu von Menschen, denen fachliche Kompetenz
zugeschrieben wird, an neu hinzukommende Biologiestudierende
weitergegeben.
Kaufen nun vielleicht einige von ihnen eines der gerngelesenen und
weit-verbreiteten populärwissenschaftlichen Bücher Konrad Lorenz's, so
sehen sie sich plözlich einer Ansammlung biologistischer, rassistischer und
zum Teil auch nationalsozialistischer (siehe z.B. die erwähnten Zitate im
Nawi-Info 40) Thesen desselben Mannes gegenüber, der ihnen bisher nur als
einer der größten WissenschaftlerInnen Österreichs und einer der
bedeutendsten BiologInnen überhaupt präsentiert worden ist.
Ob dann aber wirklich alle, die, derart indoktriniert, mit Lorenz's
Thesen zur menschlichen Gesellschaft konfrontiert sind, genug politisches
Bewußtsein und genug Kritikfähigkeit besitzen, um sie als das zu entlarven,
was sie sind, nämlich gefährlicher Schwachsinn, ist mehr als fraglich.
Biologismus?
Weiters ist bei sehr vielen BiologInnen, und unter diesen vor allem bei den
VerhaltensforscherInnen, ein gewisser Hang zu unserer Meinung nach allzu
biologischer Interpretation von menschlichem Verhalten (auch Biologismus
genannt) erkennbar. Solche Interpretationen werden aber bekanntlich auch
gerne als Grundlage und zur Argumentation rechter und rechtsextremer
Ideologien (jüngstes Beispiel das amerikanische Buch "The Bell Curve")
ebenso wie zur Rechtfertigung und Festigung unserer patriarchalen
Gesellschaftsstruktur weiterverwendet.
Wir wollen damit keinenfalls behaupten, daß dies im Sinne der
angesprochenen BiologInnen wäre, ob bewußt oder unbewußt tragen sie jedoch
trotzdem zur angeblich wissenschaftlichen Untermauerung solcher Tendenzen
bei.
Das einmal in relativer Kürze. An einer weiteren öffentlichen
Auseinandersetzung auf sachlichem Niveau sind wir natürlich sehr
interessiert.
ErnstL, Mutschi
(Grüner Zweig, BING)