Bevölkerungspolitik ist das staatliche Eingreifen in die Reproduktions-prozesse der Bevölkerung. Damit sind Sexualverhalten und Fortpflanzung keine privaten und intimen Ange-legenheiten des individuellen Lebens und der Familienplanung mehr, sondern Gegenstand staatlicher Intervention. Ihre Ursprünge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Haupt-organisatorin der Geburtenkontroll-bewegung war die amerikanische Sozialistin Margaret Sanger, die mit der eugenischen Aussage "Mehr Kinder von den Tüchtigen und weniger von den Untüchtigen, das ist das Hauptthema der Geburten-kontrolle" bekannt wurde. Nach dem 2. Weltkrieg war das Hauptanliegen der Bevölkerungspolitik weniger, der Fertilität in den Industrieländern sondern dem Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern entgegen-zuwirken.

"Bevölkerungsexplosion" im Süden

Während sich hierzulande Politiker-Innen die Köpfe zerbrechen, wer in den nächsten Jahrzehnten "unsere Pensionen zahlen soll" und da und dort Patentrezepte ausgeklügelt wer-den, die der österreichischen Frau das Kinderkriegen wieder schmackhaft machen sollen, haben die Ent-wicklungsländer ganz andere Pro-bleme.

Überbevölkerung (Der Begriff impliziert ein "Zuviel" an Menschen.)

Da rasches Bevölkerungswachstum hauptsächlich ein Phänomen der Entwicklungsländer ist, herrscht die Meinung vor, diese Länder seien überbevölkert. In Wahrheit ist die Bevölkerungsdichte mancher euro-päischer Staaten um einiges höher als die vieler "Entwicklungsländer".

DemographInnen behaupten einen kausalen Zusammenhang zwischen Bevölkerungszahl und Wirtschafts-wachstum und sehen dement-sprechend die Überbevölkerung der sog. Entwicklungsländer als Hauptursache für deren Unterentwicklung. Das Senken der Geburtenrate wurde nun als Allheilmittel der Probleme propagiert. Dieser Ansatz läßt die wahren Ursachen der Unterent-wicklung in den Trikontstaaten völlig außer acht. Die GeburtenkontrollfetischistInnen übersehen, daß der Hauptteil der landwirtschaftlich genutzten Flächen nicht für den Anbau von Nahrungsmittel für den Eigenbedarf, sondern für den Export von Waren in die Industrieländer bestimmt ist. Auch das "Argument", Überbevölkerung ist gleich Umwelt-zerstörung, löst sich in Rauch auf, betrachtet mensch die Industrie-nationen, die nur ein Viertel der Weltbevölkerung stellen, aber über drei Viertel der weltweit produzierten Energie, Rohstoffe und Nahrungs-mittel verbrauchen.

Die Frau als Rechengröße in der Bevölkerungspolitik

"Die Gebärmutter der Frauen ist gegenwärtig das strategisch Wich-tigste der Welt. Frauen haben nie zuvor eine solche Aufmerksamkeit erhalten, bis ihre Gebärmutter als Produzentin von etwas "Uner-wünschtem" für die Welt identifiziert wurde, die von weißen, reichen Leuten beherrscht wird" Farida Akther (Peoples Perspectives 1993).

Da Frauen die Kinder zur Welt bringen, stehen sie notgedrungen im Mittelpunkt eines Programms zur Senkung der Bevölkerungszahlen. Seit den 50er Jahren gibt es in den meisten Entwicklungsländern Familienplanungsstellen, die den betroffenen Frauen Beratung und Hilfe suggerieren. Im Rahmen von Familienplanung und Bevölkerungspolitik werden gesundheitsgefährdende Methoden angewandt, die den Betroffenen die Kontrolle über ihren Körper entziehen und sie somit zu Objekten degradieren.

Frauen als Versuchskaninchen

Speziell für den Trikont wurden Hormonkapseln und -spritzen sowie Antischwangerschaftsimpfstoffe mit katastrophalen Nebenwirkungen (u.a. krebserregend, Störungen des Immunsystems, Infektionen, Schild-drüsenstörungen...) entwickelt. Trotz-dem propagiert die WHO den Anti-Schwangerschaftsimpfstoff als ideales Mittel gegen die Bevölkerungs-explosion. So erklärte 1987 WHO Mitarbeiter David Griffin "Häufig auftretende Schwangerschaften werden zu Epidemien. Um Epidimien zu vermeiden, stellt der Anti-schwangerschaftsimpfstoff eine sehr attraktive Waffe dar, die in das gegenwärtige Waffenarsenal integriert werden muß".

Sterilisation ist die effektivste bevölkerungspolitische Methode, sie ist irreversibel. Dieser Eingriff erfordert eigentlich äußerste Hygiene, wird aber massenhaft unter mangelhaften Umständen durch-geführt. So wurden in Guatemala Ende der 70er Jahre mindestens 10 000 Indigenas sterilisiert. 40 Prozent aller puerto-ricanischen Frauen sind heute sterilisiert, was vor allem von den USA gefördert wurde. Oft blieb ihnen nichts anderes übrig, da auf Abtreibungen Gefängnisstrafen standen. Die Sterilisationen dagegen waren kostenlos. Nach der Flutkatastrophe 1984 in Bangladesch wurden Nahrungsmittel nur gegen Sterilisation abgegeben.

Anreizsysteme

Die am weitesten verbreitete Methode zur Durchsetzung bevölkerungs-politischer Maßnahmen ist die Motivation mittels materieller Leistungen. Frauen und Paare, die ihre Fruchtbarkeit beschränken, erhalten Geldgeschenke, Kredite und Produktionsmittel zu günstigen Konditionen.

Bevölkerungspolitik = Entmündigung der Frau

Wie wenig es eigentlich um die Bedürfnisse der Frauen geht, zeigt auch die Art der Verhütungsmittel, die den Frauen in den Trikontländern angetragen wird Es sind aus-schließlich Verhütungsmethoden mit Langzeitfolgen. Da solche Be-handlungsmethoden von den Frauen selbst nicht rückgängig gemacht werden können, bieten sie ein perfektes Mittel, um persönliche Wünsche der Frauen auszuschalten.


Es fehlt ein Bildungssystem, das vor allem Frauen den Zugang zu höherer Ausbildung und gesellschaftlicher Anerkennung ermöglicht, sowie ein Gesundheitssystem, das die Kinder-sterblichkeit senkt und der Zugang zu weniger schädlichen Verhütungs-mitteln, die den Frauen die Selbst-kontrolle über ihren Körper wieder überläßt.

Doris Müller (BING, GRAS)