Geschehen am 8. Oktober dieses Jahres, in der ersten Einheit der Einführungsphase des Integrierten Schulpraktikums für Mathematik. Brigitte Rollett, ihres Zeichens Professorin der Uni Wien, Inhaberin des (schwarzen) Lehrstuhls für Entwicklungspsychologie und zuständig für die pädagogische Psychologie im Zuge der Mathematik-Lehramtsausbildung, klärt uns angehende LehrerInnen über unsere Jobchancen auf. Und fabuliert dabei in folgende Richtung


Wir müßten doch flexibel sein und über die Grenzen hinausschauen können. Ganz Europa (was ist mit Nicht-EU-Staaten, Frau Prof?) stünde uns frei. An allen deutschen Schulen im Ausland könnten wir unterrichten. Oder ein Master Degree in zwei Jahren nachholen und in den USA unterrichten. Wir dürften nur nicht darauf bestehen, dort zu bleiben wo wir sind. Dann kriegen wir auch einen Job. Nun ja.

Aufklärung über die verschiedenen Möglichkeiten, die uns nach Beendigung unseres (Lehramts-)Studiums offenstehen, ist eine Sache (und durchaus zu begrüßen). Was uns hier jedoch vermittelt wurde, enthielt auch noch einen moralischen Imperativ, und der war: Selbst schuld, wenn ihr keinen Job bekommt. Ihr müßt halt flexibel sein.

Was aber ist dran an dieser Flexibilität?

Flexibilität ist ein Zauberwort der 90er geworden. Alles und jedeR muß flexibel sein. Flexible Arbeitszeiten, flexible Arbeitsplatzgestaltung, flexible Bezahlung, natürlich leistungsgebunden (wie auch immer dies beurteilt werden soll). Und verkauft wird dies als Errungenschaft für ArbeitnehmerInnen. Doch wer pro-fitiert tatsächlich?

Werfen wir einmal einen Blick auf die Praxis. Flexible Arbeitszeiten, so verführerisch sie "von außen" scheinen mögen, bergen eine immense Gefahr. Denn meist gehen sie einher mit produktbezogenen Arbeitsprozessen, und damit erhöhtem Leistungsdruck. Wenn nicht mehr die Arbeit an sich, sondern das Endprodukt (welche Form es auch immer annimmt) ausschlaggebend für Bewertung und damit Entlohnung von Arbeit wird, dann kann flexible Arbeitszeitgestaltung auch durchgearbeitete Wochenenden bedeuten. Der scheinbare Vorteil flexibler Arbeitszeit, nämlich freiere Freizeitgestaltung, wird ins genaue Gegenteil verkehrt. Gerade durch das Setzen von Abgabefristen und zu kurz bemessene Arbeitszeitaufwände können hier ArbeitgeberInnen Druck ausüben und somit von der Flexibilität profitieren.

Deutlicher werden die Gefahren der Flexibilisierung bei der Arbeitsplatz- bzw. Arbeitsstellenwahl, um auf unser konkretes Beispiel zurückzukommen.

Auch wenn in der Theorie die Mobilität ein feines Konzept ist (kultureller Austausch, Erfahrungen sammeln, die Welt sehen, und was es da noch an Schlagworten gibt), so bedeutet sie ganz konkret, daß zwecks Gelderwerb die Bereitschaft eines/r jeden vorhanden sein muß, die Stadt oder sogar das Land zu wechseln. Es wird verlangt, daß für die Arbeit/für die Firma die Wohnung, der FreundInnenkreis, das gesamte soziale Gefüge aufgegeben wird. Viele Firmen betreiben dies sehr systematisch in der Ausbildung ihrer mittleren Führungskräfte, indem sie diese quer durch ganz Europa (und darüber hinaus) schicken, sie in firmeneigenen Wohungen einquartieren und sie in ein "firmeneigenes" soziales Gefüge einbinden, jedoch immer nur für kurze Zeit; so werden die Angestellten sukzessive aus anderen Bindungen und Bezügen herausgelöst und immer dichter an das eigene Unternehmen gebunden.

Doch selbst, wenn wir solch "extreme" Aspekte beiseite lassen, bleibt das Kernproblem bestehen. Mobilität, wenn vorgeschrieben, bedeutet, daß das Private hinter dem Beruflichen zu stehen hat. Sie bedeutet nicht mehr ein Angebot an jene, die diese Flexibilität leben wollen, sondern eine Prämisse, die zunehmend den Arbeitsmarkt beherrscht und allen abverlangt wird - und soweit akzeptiert ist, daß sie nicht einmal, wenn eingefordert, auf Widerspruch stößt.

Geschlechterspezifik

Nicht zu unterschätzen ist dabei auch, was für geschlechtsspezifische Konsequenzen sich aus dieser Mobilität ergeben. In Anbetracht der Tatsache, daß nach wie vor die meisten Menschen in PartnerInnenschaften leben, jedoch selten die Arbeitsstelle teilen, bedeutet diese geforderte Mobilität entweder Distanzbeziehung, Trennung, oder - wie in den meisten Fällen - die Aufgabe der Berufstätigkeit durch eineN von beiden. Nicht sehr überraschend, daß dies dann zumeist Frauen sind, die sich ins "Familienleben" zurück- und dem Ehemann oder Partner nachziehen. Es ließe sich daher folgernd schließen, daß die Flexibilisierung auch ein Instrumentarium zur zunehmenden Ausschließung von Frauen aus dem Berufsleben darstellen kann.

Es bleibt abschließend die Frage, ob Flexibilisierung ausschließlich negativ zu sehen ist. Eine einfache Antwort läßt sich hier nicht geben, ich möchte jedoch - zum Vergleich - einen Vorschlag an Prof. Rollet richten (allerdings nicht ernst gemeint):

Wie wäre es denn, wenn wir ihre Professur flexibilisieren? Und generell Professuren künftig nur noch für - sagen wir mal - drei Jahre vergeben. Und wenn ihre Professur dann nicht verlängert wird, dann müssen sie halt an eine andere Uni. In ein anderes Land. Aber das ist ja kein Problem, oder? Denn wir sind ja alle flexibel, nicht?

Wie war das mit Wasser predigen und Wein trinken...?

Martin (Roter Vektor, BING)